PRESS RELEASE
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1. ZUM GEDENKEN DER OPFER DES VOELKERMORDES AN DEN ARMENIERN 1915

http://www.deutscharmenischegesellschaft.de/wp-content/uploads/2013/06/ADK159-Zum-Gedenken-der-Opfer-des-V%C3%B6lkermordes-an-den-Armeniern-1915.pdf



VON CEM OEZDEMIR
Bundesvorsitzender
BUENDNIS 90/DIE GRUENEN (1)


S.E. Herr Armen Martirosyan, Botschafter der Republik Armenien in
Deutschland,
S.E. Erzbischof Karekin Bekdjian, Primas der Dioezese der Armenischen
Kirche in Deutschland,
Priester Gnel Gabrielyan,
Frau Pfarrerin Beate Dirschauer,
Herr Bischofsvikar Dr. Matthias Fenski vom Erzbistum Berlin,
Frau Proepstin Friederike von Kirchbach, Evangelische Kirche in
Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz,
Vertreter der OEkumene,
Liebe Anais Goevez, Armenische Kirchen- und Kulturgemeinde Berlin,
Liebe Sibylle Thelen von der Landeszentrale fuer politische Bildung
Baden-Wuerttemberg,
Sehr geehrte Damen und Herren,
- gestatten Sie mir die vertraute Anrede - liebe Schwestern und Brueder,

Heute, 98 Jahre nach den grausamen Vertreibungen und Ermordungen an der
armenischen Bevoelkerung des Osmanischen Reiches, faellt es noch immer
schwer, zu begreifen, wie es zu diesem verheerenden Verbrechen kommen
konnte.
Was hat dazu gefuehrt, dass die jungtuerkische Regierung unter Enver,
Talaat und Cemal Pascha den multi-ethnischen und multi-religioesen
Vielvoelkerstaat des Osmanischen Reichs mit ihrer
nationalistisch-rassistischen Ideologie zerstoeren konnten?
Was hat dazu gefuehrt, dass die armenische Bevoelkerung im Osmanischen
Reich sogar als "?Millet-i Sadıka"`, also als "?treues Volk"` "`
halb anerkennend, halb ueberheblich - bezeichnet, Opfer dieses
schrecklichen Genozids werden konnte?
Es ist unbegreiflich, wie es dazu kommen konnte, gerade wenn wir uns die
Rolle und Stellung des armenischen Volkes in der osmanischen
Gesellschaft vor 1915 vor Augen fuehren.
Viele hier kennen die wunderbare Ausstellung "?Sireli Jeghpajrs -
Lieber Bruder. Armenier in der Tuerkei vor 100 Jahren"` von Osman
Koeker mit Postkarten des Sammlers Orlando Carlo Calumeno, die einen
Eindruck von der Vielfalt der osmanischen Bevoelkerung gibt.
2005, als die Ausstellung erstmals in der Tuerkei gezeigt wurde, haben
sie innerhalb von 11 Tagen ueber 7.000 Besuchern und Besucherinnen erlebt.
Dies zeigt, dass es auch in der tuerkischen Gesellschaft ein Interesse
gibt, etwas ueber die Zeit zu erfahren, die von der tuerkischen
Geschichtsschreibung bis heute ausgeklammert wird. Und es wird deutlich,
dass die armenische Bevoelkerung ein unverzichtbarer Teil des
Osmanischen Reiches war.
Armenier spielten eine wichtige Rolle in der OEkonomie, sei es in der
Seidenindustrie oder Textilproduktion, sie etablierten das moderne
Theater im Osmanischen Reich, sie etablierten die Oper, sie verfassten
die ersten osmanischen Romane. Sie hatten hohe Staats- und
Regierungsaemter inne, und bildeten einen wichtigen Teil des
diplomatischen Dienstes des Osmanischen Reiches.
Istanbul zaehlte 1914 mehr als 900.000 Einwohner, rund 10% davon waren
Armenier. 9 Zeitungen erschienen allein auf Armenisch in Istanbul, im
Vergleich dazu nur 13 auf Tuerkisch.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts nach dem Aufkommen des
Nationalismus und der Erfahrung von Zerfall und Vertreibung veraendert
sich die Wahrnehmung der politischen Eliten drastisch.
Beginnend unter Abduelhamid II., 1876 erheben sich die Serben,
Montenegriner und Bulgaren gegen die tuerkische Herrschaft und mit dem
Berliner Vertrag verlieren die Osmanen 1878 weite Teile ihrer
Besitzungen auf dem Balkan. Parallel dazu gab es grosse Verluste in den
suedlichen Gebieten.
Viele Muslime wurden selbst Opfer von Vertreibung und Verfolgung,
waehrend gleichzeitig Autonomiebestrebungen christlicher Minderheiten
niedergeschlagen wurden.
Die Geschichte meiner eigenen Familie kennt alle diese Kapitel der
schmerzhaften und blutigen Entstehung der tuerkischen Republik. Von der
Vertreibung der tscherkessischen Vorfahren meines Vaters, die selbst
Opfer der russischen Okkupation im Kaukasus geworden sind, bis zur
unruehmlichen Rolle der Tscherkessen selber im Voelkermord von 1915, bis
zum Pogrom am 6./7. September 1955 an der griechischen Minderheit in
Istanbul im vergangen Jahrhundert, den meine Mutter hautnah erlebt hat
und noch heute mit Gaensehaut davon erzaehlt, bis zu meiner, meiner
griechischen Urgrossmutter, die konvertierte und den Namen aenderte.
So gibt es auch heute noch viele unerzaehlte armenische Geschichten in
der Tuerkei. Manche Geschichte von Leid, Verlust und Zwangsheirat nehmen
die UEberlebenden mit ins Grab, andere werden den staunenden Enkeln und
Urenkeln erzaehlt, die dadurch erfahren, dass sie selbst armenische
Vorfahren haben.
Komitas, von dessen Musik wir schon einiges gehoert haben, ist ein
solches Beispiel. Der Geistliche und begnadete Musiker und Komponist,
dessen Stuecke wir gehoert haben, ist am 24. April 1915 in Istanbul
oder Konstantinopel mit mehreren Hundert armenischen Intellektuellen
verhaftet und in die Gegend um die Stadt Cankırı deportiert worden.
Fast alle der Verschleppten wurden damals ermordet, lediglich acht
durften nach Anordnung des Innenministers Talaat Pascha zurueckkehren.
Unter ihnen war Komitas.
Der US-Botschafter Henry Morgenthau und der Dichter Mehmet Emin Yurdakul
intervenierten fuer den grossen Kuenstler.
Komitas hat sich nie von dem Schrecken der Deportation und dem Erlebten
erholt. Er starb als gebrochener Mann 1935 in einer psychiatrischen
Klinik in Paris.
Ich wuensche mir, dass eines Tages die Lieder von Komitas in tuerkischen
Musikbuechern stehen und in tuerkischen Schulbuechern behandelt werden,
dass nicht nur armenische Kinder mit den Liedern von Komitas aufwachsen,
sondern alle Kinder, die in der Tuerkei leben, egal welcher Herkunft sie
sind.
1913, nach dem sich die Fuehrer des "?Komitees fuer Einheit und
Fortschritt"` an die Macht geputscht haben, wird die Ideologie der
Jungtuerken noch kompromissloser propagiert, nach dem saemtliche
Territorien bis auf einen kleinen Rest auf dem Balkan verloren gehen.
Sie wollten das zerbrechende Osmanische Reich um jeden Preis erhalten,
alles Streben nach Autonomie war in ihren Augen Verrat. Sie glaubten an
die UEberlegenheit der tuerkischen Nation gegenueber anderen Voelkern
und mit der Entscheidung einen Staat zu schaffen, der rein
tuerkisch-muslimisch ist, besiegelten sie das Schicksal der Minderheiten.
Hunderttausende muslimische Fluechtlinge draengten nach Anatolien und
besonders in die armenischen Gebiete.
Dabei war die Vertreibung und die Enteignung, man koennte auch sagen,
der Diebstahl, ein verbrecherisches Mittel, um neue Existenzgrundlagen
fuer diese Menschen zu schaffen.
Unzaehlige Dokumente und Berichte von Zeitzeugen lassen keinen Zweifel
daran, dass es sich bei den Massakern und Vertreibungen um die
systematische Vernichtung der armenischen Bevoelkerung und uebrigens
auch der Aramaeer im Osmanischen Reich handelte. Weiterhin davon zu
sprechen, dass es nur quasi unwillkommene Begleiterscheinungen bei der
Umsiedlung von Armeniern gewesen seien, ist eine unertraegliche
Verharmlosung und Geschichtsklitterung.
Dies sage ich auch als deutscher Staatsbuerger. Auch wir als Deutsche
muessen ueber die Mitverantwortung und das Mitwissen reden an diesen
Verbrechen. Der Zuericher Historiker Hans-Lukas Kieser spricht nicht
ohne Grund von einer "?qualifizierten Mitverantwortung"`, die wir
Deutsche an diesem Verbrechen haben.
Die bis heute anhaltende ignorante Haltung der offiziellen tuerkischen
Geschichtsschreibune, die Ereignisse anzuerkennen, verhindert auch, dass
ueber das Leid gesprochen wird, das die islamische Bevoelkerung im
zusammenfallenden Reich ertragen hat. Oder war es etwa richtig, dass
zehntausende von osmanischen Soldaten unzureichend ausgeruestet in einem
voellig sinnlosen Krieg in Sarikamis 1914/15 im Kampf gegen die Russen
erfroren sind?
Dabei kann es nicht um Abwaegen von Opferzahlen auf der einen oder
anderen Seite gehen, sondern darum, die Hintergruende der schrecklichen
Ereignisse offenzulegen und so einen Prozess der Aufarbeitung
einzuleiten, der in eine Erinnerungskultur muendet, die notwendig ist,
um die Schrecken der Vergangenheit und menschliches Leid kuenftig zu
verhindern.
Um die heutige tuerkische Gesellschaft zu verstehen, muss man wissen,
durch welche "?Schule"` im wahrsten Sinne des Wortes sie gegangen
sind. Deshalb war Hrant Dink fuer die Nationalisten so gefaehrlich und
wurde schliesslich durch den tiefen Staat in der Tuerkei ermordet.
Wer die tuerkische Schule vollstaendig durchlaufen hat und am Ende nicht
schizophren wurde und nicht glaubte, dass er ueberall von Feinden und
Verrat umstellt ist, der hat im Unterricht entweder schlicht nicht
aufgepasst oder eine sehr starke Persoenlichkeit. Fuer die
tuerkischsprachigen unter Ihnen: "?Tuerk"'uen Tuerk"'ten baska
dostu yoktur"`, uebersetzt: "?Ein Tuerke kennt keinen anderen Freund
ausser dem Tuerken"` "` das war quasi die erzieherische Parole.
Gesetze, Parlamentsbeschluesse und Verbote moegen Trost und Genugtuung
sein fuer erlittenes Leid und was mindestens so schlimm ist, seine
Verleugnung. Doch Heilung bringen sie nicht. Die seit knapp 100 Jahren
offenen Wunden koennen nur in der Tuerkei und zwischen Tuerken und
Armeniern geheilt werden.
Lassen Sie mich dazu Joseph Beuys zitieren: "?Eine Wunde, die man
zeigt, kann geheilt werden."`
Wir sollten der tuerkischen OEffentlichkeit dabei helfen, zu lernen mit
den Wunden umzugehen.
"?Tuerkler Ermenilerin, Ermeniler Tuerklerin doktoru, baska care
yok"`, so sagte es Hrant Dink. "?Die Tuerken sind die AErzte der
Armenier und die Armenier sind die AErzte der Tuerken. Es gibt keinen
anderen Ausweg"`, so seine Worte in deutscher Sprache
Daraus folgt fuer mich gerade zwingend eine Normalisierung der
Beziehungen zwischen den beiden Nachbarn Armenien und Tuerkei. Auch dazu
ein Zitat von Hrant:
"?E?er Tuerkiye demokratiklesmezse, Ermenistan hicbir zaman guevende
olmaz. Tuerkiye"'nin, bo?ulmanın esi?inde olan bu genc devlet icin
bir sans olabilece?ine inanıyorum. Bu uetopya gibi goeruelebilir ama
Ermenistan yarin, Tuerkiye sayesinde, AB"'ne ait bir komsuya sahip olma
sansına kavusacak."` In deutscher Sprache: "?Wenn sich die Tuerkei
nicht demokratisiert, wird es niemals Sicherheit fuer Armenien geben.
Ich glaube daran, dass die Tuerkei eine Chance fuer dieses am Ertrinken
befindliche junge Land ist. Dies mag als Utopie erscheinen, aber
Armenien hat die Chance, morgen dank der Tuerkei einen Nachbarn zu
bekommen, der zur Europaeischen Union gehoert."`
Darum muessten eigentlich Armenien und meine armenischen Freunde sich in
besonderer Weise fuer eine europaeische Tuerkei einsetzen mit einer
Perspektive der Mitgliedschaft. Nur so wird dieses Land sich weiter
oeffnen und modernisieren und "` und auch das fuege ich ausdruecklich
hinzu "` sich seiner Vergangenheit ohne jede Einschraenkung stellen.
Es ist gut, dass sich immer mehr Menschen in der Tuerkei fuer die
dunklen Flecken der Vergangenheit in der offiziellen
Geschichtsschreibung interessieren und kritische Fragen stellen: So
juengst etwa die Debatte um die blutige Niederschlagung des Aufstandes
von Dersim 1937/38.
Mein Dank und meine Anerkennung gilt all den mutigen Aktivisten in der
Zivilgesellschaft der Tuerkei, darunter auch mehr als 20
Intellektuellen, die 2008 in einem Aufruf im Internet die armenischen
Brueder und Schwestern um Vergebung gebeten haben.
Der aktuelle Gerichtsprozess in der Tuerkei zum tiefen Staat mit all
seinen Fehlern und Widerspruechen ist sicher ein Mut machendes Zeichen,
weil erstmals Moerder von christlichen Priestern, Putschisten, Gegner
der Demokratie und Menschenrechte, die bislang quasi ueber dem Gesetz
standen und immun waren, endlich vor Gericht gestellt werden und
Rechenschaft abgeben muessen fuer ihre Menschenrechtsverletzungen.
Die kuerzlich wiedereroeffnete griechisch-orthodoxe Grundschule auf der
Insel Goekceada ist eine laengst ueberfaellige Geste, auch wenn es kaum
noch Schueler gibt, die davon profitieren koennen.
Es ist laengste Zeit, dass auch das Priesterseminar auf Chalki bzw.
Heybeliada des orthodoxen oekumenischen Patriarchats wiedereroeffnet wird.
Die quasi Enteignung von Laendereien des syrisch-orthodoxen Klosters Mor
Gabriel durch die tuerkischen Gerichte muss beendet werden. Die Tuerkei
sollte sich ueber jeden einzelnen Assyrer freuen, der nach all dem Leid
und Schmerz in der Tuerkei leben moechte und die Sprache Jesu Christi,
das Aramaeische, auf historischem Boden am Leben erhaelt.
Es gibt Hoffnung: Hoffnung, weil ein Tabu gerade faellt in der Tuerkei.
Mit der Einberufung des "?Rats der Weisen"` und den Gespraechen mit
dem groessten Staatsfeind wird der Friedensprozess mit der PKK
vorangetrieben. Sollte es gelingen, was wahrscheinlich jeder hier hofft
und unterstuetzt, dass die Kurdenfrage in der Tuerkei endlich
demokratisch geloest wird, sollte es endlich eine neue demokratische
Verfassung in der Tuerkei geben, die die Vielfalt des Landes anerkennt,
die auch Aleviten, Christen, Atheisten, Lazen, Tscherkessen ihre Rechte
nicht mehr vorenthaelt "` dann darf auch der Anerkennung des Leids von
Griechen, von Juden, von Assyrern und Armeniern nichts mehr im Wege stehen.
Warum sollte jemand, der den Mut hat, sich mit den Kurden zu versoehnen
und Dersim als das zu bezeichnen, das es war, naemlich ein Verbrechen an
der eigenen Bevoelkerung, nicht auch den Mut haben, rechtzeitig vor dem
Jahre 2015 Schritte auf die Armenier in der Tuerkei und auf Armenien
zuzugehen. Ich bin mir sicher, eine solche Tuerkei, die sich dem
Schandfleck der jungtuerkischen Barbarei stellt und endlich ohne jedes
Wenn und Aber anerkennt, dass ein Voelkermord geschehen ist, eine solche
Tuerkei waere eine staerkere Tuerkei, eine einigere Tuerkei und vor
allem eine europaeische Tuerkei. Der erste offizielle Grenzuebergang
zwischen der Tuerkei und Armenien sollte nach Hrant Dink benannt werden.
Genauso wie kuenftig Schulen, Universitaeten, ja sogar Kasernen nicht
mehr nach mehr oder weniger grossen Kriegern benannt werden sollten,
sondern nach denen, die sich fuer ein friedliches und gleichberechtigtes
Zusammenleben der Menschen in Anatolien eingesetzt und die dafuer oft
genug einen hohen Preis bezahlt haben.
UEbrigens, eine OEffnung der Grenze zwischen der Tuerkei und Armenien
waere auch im Interesse Aserbaidschans. Alle wuerden davon profitieren,
wie ich glaube.
Wie waere es als einen ersten Schritt, diejenigen wenigstens im
Nachhinein zu ehren, die sich damals den Befehlen des "?Komitees fuer
Einheit und Fortschritt"` in den Weg gestellt haben, ihre armenischen
Nachbarn dem Tod auszuliefern und zu berauben. Die sich geweigert haben,
gegen die Gebote des Islam oder einfach nur der Menschlichkeit und des
Anstandes zu handeln. In meinen Augen sind diese die wahren Helden der
Tuerkei, sie sollten in den Schulbuechern geehrt und der jungen
Generation zum Vorbild gereichen.
Meine Damen, meine Herren. Ich verneige mich in tiefer Trauer vor den
Opfern und ihren Angehoerigen und Nachfahren und hoffe, dass ihr Leid
dazu fuehrt, dass kuenftige Generationen ohne Hass und im Geiste der
Freundschaft und Liebe der Menschen zueinander aufwachsen.
Herzlichen Dank!

(1) Rede gehalten bei der Gedenkveranstaltung 98. Jahrestag des
Voelkermordes an den Armeniern am 24.04.2013 in der St. Marienkirche,
Berlin, eine Veranstaltung der Armenischen Kirchen- und Kulturgemeinde e.V.





2. "ICH VERTRETE DIE VIELFALT ANATOLIENS""`

http://www.deutscharmenischegesellschaft.de/wp-content/uploads/2013/06/ADK159-Ich-vertrete-die-Vielfalt-Anatoliens.pdf


"?Ich vertrete die Vielfalt Anatoliens"`
Songul Kaya-Karadag im Gespraech mit "?Mr. Avantgarde Folk"` Arto
Tuncboyaciyan

Der 2006 mit dem World Music Award und 2011 mit dem Grammy
ausgezeichnete experimentelle Musiker, Percussionist, Komponist und
Vokalist, Mr. Avantgarde Folk Arto Tuncboyaciyan war im Rahmen des
Projekts "?Klanglandschaft Tuerkei"` vom Theater an der Ruhr
eingeladen worden.

Wir trafen uns am 22. Maerz vor seinem Konzert in der Stadthalle
Muelheim (Ruhr). Kaum hatte ich mich vorgestellt, sagte er mit der ihm
eigenen natuerlichen Art "?Fragen Sie was Sie wollen, ich bin bereit,
denn ich habe keinen Hass in mir"`. Der Taxifahrer, der ihn zum
Konzertsaal gebracht hatte, war ein Tuerke. Als die Rede auf Tuerken und
Muslime kam, verteidigte er den Dschihad, der "?fuer den Allah
toeten"` bedeutet. Daraufhin fragte Arto ihn: "?Wenn ein Kind dir
sagt, dass er an Mohammed nicht glaubt, wuerdest du ihn toeten?"` Als
der Taxifahrer das bejahte, antwortete er "?Bist du verrueckt?"` Nach
diesem Anfang sprach Arto, noch bevor ich ihn danach fragte, von seiner
Weltsicht, oder wie er sagte, von seiner Philosophie.

Arto Tuncboyaciyan: Wenn du das sagst, dann ist alles zu Ende. Was
sollst du ihm entgegnen? Er besteht darauf, dass seine Sicht die
richtige sei. Warum? Denn er hat kein Selbstvertrauen. Er kann sich
nicht oeffnen. Er kommt nicht darauf, dass auch andere Recht haben
koennten. Wer kein Selbstvertrauen hat, hat Angst sich zu oeffnen. Wie
sind die Menschen zum Beispiel hier in Deutschland? Sie sagen, sie
wuerden einiges verlieren. Dabei geht nichts verloren, ganz im
Gegenteil: es kommt einiges hinzu. Andere Kulturen, Nationen,
Religionen. Somit wird Deutschland reicher. Das Gute daran ist, dass du
dann siehst, wo du stehst. Der Mensch versteht sich nur dann, wenn er
ausserhalb seines Systems steht. Er begreift, wie er gesehen wird. Man
spricht von Demokratie. Was ist aber Demokratie? Der erste Schritt
lautet: Akzeptiere ihn, selbst wenn du ihn nicht magst. Was heisst das?
Angenommen, jemand hat eine andere Ansicht. Du musst es ertragen. Wenn
du aber darauf bestehst, sagst, dass einzig, deine Meinung richtig ist
und hierfuer Gewalt anwendest, da hoert die Demokratie auf.

Songul Kaya-Karadag: Denken Sie auch an diese Dinge, wenn Sie Musik machen?

Natuerlich, denn das ist meine Philosophie. Liebe, Achtung,
Wahrhaftigkeit. Ohne diese drei geht"`s nicht. Gibt es nicht Stimmen,
die ich nicht mag? Klar gibt es sie. Ich baue sie in meine Musik ein.
Denn sie sind Teil des Lebens, auch wenn ich sie nicht mag.

In Ihrer Musik spuert man eine Tiefe. Sie koennen gleichzeitig jeden
ansprechen. Was mir auffaellt ist, dass diese Tiefe auch eine Vielfalt
enthaelt. Jeder kann darin etwas von sich finden. Wie kommt das?

Du sprichst von Tiefe. Ihre Grundlage ist der Mensch. Jeder Mensch hat
eigentlich eine Tiefe. Aber das merkt man nur dann, wenn er sich
oeffnet. Eigentlich kennen wir uns. Und um zu verstehen, muss man
kennen. Um zu erkennen, muss man sich oeffnen. Du kannst dich aber nur
dann oeffnen, wenn du Selbstvertrauen hast. Dann brauchst du auch keine
Angst zu haben. Du zeigst dich so wie du bist und der andere akzeptierte
ich wie du bist. Er respektiert dich, vielleicht mag er dich sogar. Du
sprachst von Vielfalt. Ich vertrete die Vielfalt Anatoliens. Dort haben
unterschiedliche Kulturen existiert. Sie alle - die Kulturen, Sprachen,
Musiken "` hatten sich gegenseitig beeinflusst. Ich kann dir zum
Beispiel einige Doerfer zeigen, dort haben sie mit armenischen
Buchstaben Tuerkisch geschrieben. Was du Vielfalt nennst, gibt es also
bereits dort. Ich spreche von der Philosophie der anatolischen Erde.
Wenn du sie verlaesst, verleugnest du dich selbst.

Im Rahmen des Projekts "?Klanglandschaft Tuerkei"` vertreten Sie aber
die Tuerkei.

Haben sie das so geschrieben? Nein, ich repraesentiere nicht die
Tuerkei. Warum sollte ich das tun? Was bedeutet, die Tuerkei zu
repraesentieren? Jemand sagt seine Meinung, dem anderen gefaellt es
nicht. Wenn er Macht hat, wird er gewalttaetig, versucht die Meinung des
anderen zu aendern. Wenn das nicht klappt, greift er zur Waffe. Das ist
die Tuerkei. Wie kann ich so etwas repraesentieren? Wenn du aber von
Anatolien sprichst, dann bin ich dabei. Die Philosophie einer bestimmten
Erde ist die eine Sache, der Name eines Staates eine andere. Anatolien
hat man vor 2000 Jahren irgendwie genannt, vielleicht wird es in 3000
Jahren einen ganz anderen Namen haben. Das interessiert mich nicht. Das
ist vergaenglich.

Auch in Ihrer Musik ist eine Vielfalt zu beobachten. Einerseits machen
Sie Jazz, andererseits singen sie authentische armenische Volkslieder.
Auch benutzen Sie vielfaeltige Musikinstrumente. Die armenische Duduk
und der Saxophon sind gleichzeitig auf der Buehne, irgendwie passen sie
zusammen. Darueber hinaus gibt es auch Improvisationen. Wenn Sie
improvisieren, muss ich an die Tradition der Asiks (Volksbarde) denken.
Im armenischen nennt man das doch Kusan (Gusan), nicht wahr?

Beide druecken dasselbe aus. Im Kurdischen nennt man das vermutlich
Gorani. Sie alle haben im selben geographischen Raum gelebt. Sie alle
haben diese Tradition. Deswegen gehe ich nicht vom Armeniertum aus. Denn
der Mensch ist meine Grundlage. Wenn du mich aber nach der "?Wuerze"`
fragst, dann stimmt es, ich bin Armenier. Die Natur ist meine Religion.
Gestern zum Beispiel war es fuer mich Silvester. Warum? Denn es war der
21. Maerz, der Fruehlingsbeginn. Es ist normal, dass man an die Sonne
glaubt. Die Sonne ist fuer alle Menschen auf der Erde da. Niemand kann
sie fuer sich alleine beanspruchen.

Sie sprechen drei Sprachen. Soweit mir bekannt, benutzen Sie alle drei
sowohl auf der Buehne als auch in ihrem Alltag.

Aber bei keinem der Dreien bin ich wirklich gut. Ich kann meine Gedanken
mit ihnen ausdruecken, mehr aber nicht.

In welcher Sprache traeumen Sie?

Meine Traeume sind stumm (er lacht). Jetzt, wo du mich fragst, faellt es
mir wieder ein. In allen Dreien also Englisch, Tuerkisch, Armenisch.

Lesen Sie Buecher?

Sprichst du von Buechern? Ich lese auf eine andere Art. Ich lerne von
den Menschen. Unsere Unterhaltung ist fuer mich wie eine Universitaet.
Mein Vater konnte ueberhaupt nicht lesen und schreiben. Aber er war sehr
praktisch veranlagt. Er konnte Dinge sehr gut memorieren. Alles, was er
gesehen oder gehoert hatte, praegte er sich ein. Um etwas zu lernen,
muss man nicht unbedingt ein Buch lesen. Gewoehnlich wird ein Buch von
einer einzelnen Person geschrieben. Dieser kann sich auch irren oder
einfach Luegen erzaehlen. Es ist wichtiger, mit Menschen zu sprechen,
sie zu verstehen, sie kennen zu lernen.

Hat Ihr Vater den Voelkermord erlebt?

Ja, deswegen konnte er nicht die Schule besuchen. Er wusste nicht
einmal, wie alt er damals war.

Ihr Vater stammt aus Sivas, spaeter ist er nach Istanbul gezogen. Sie
selbst haben sich in den USA niedergelassen. Sie leben dort. Nicht nur
sie, sondern viele andere Armenier leben ausserhalb der Tuerkei. Wir
sprechen von einer armenischen Diaspora. Sehnt man sich nach Anatolien?
Waren Sie persoenlich jemals in Sivas?

Natuerlich sehnt man sich danach. Aber warum soll ich nach Sivas fahren?
(1) Damit sie auch mich verbrennen? Und schreib das Folgende genauso
wie ich dir das sage: "?Ich wurde nicht in Sivas geboren, Sivas wurde
mit mir geboren. Ich habe in Sivas keine Menschen verbrannt, die
Menschen haben Sivas niedergebrannt."` Ich brauche nicht dorthin
fahren. Ich bin Sivas, ich bin Anatolien, ich bin Armenien, ich bin die
Welt. Ich sagte dir noch etwas anderes: "?Ich besitze einen Berg, aber
ich darf mein Gras nicht benutzen. Ich bin hin zu anderen Bergen und
suche dort mein Gras. Dann sah ich, dass ich selbst der Berg bin."` Im
Gebirge von Erzincan hat man meine Grossmutter abgeschlachtet, spaeter
musste ich dort meinen Militaerdienst ableisten. Wir reden von solchen
Widerspruechen...

Waren Sie jemals wuetend?

Auf wen soll ich wuetend sein? Gott sei Dank haben meine Eltern uns
vernuenftig erzogen. Wir haben bei uns zuhause das Wort Feind nie
gehoert. Bei den Tuerken hoerst du doch die bekannten Dinge "?Ein
Tuerke ist so viel Wert wie die ganze Welt"`, "?der Tuerke hat keinen
anderen Freund als den Tuerken"`, "?da und dort haben wir diesen oder
jenen ins Meer geworfen"`, "?wenn es den Tuerken nicht gebe, den
haetten wir dieses und jenes nicht"`. Bei uns zuhause sprachen wir
ueber das, was wir gerade taten. Wenn zum Beispiel jemand sass, redeten
wir darueber, wie man den Tisch zimmert. Wie spielt man Geige? Wie macht
man das Kohlenbecken an? Solche Dinge eben. Wenn man sich mit Handwerk
oder Kunst beschaeftigt, denkt man anders. Mein Vater war Schuster.
Manchmal stand er zu naechtlicher Stunde auf, zog sich an und ging in
die Werkstatt. Er habe eine neue Idee fuer einen Schuh, sagte er.

Hatten Sie in der Tuerkei Probleme wegen ihrer armenischen Abstammung?

Natuerlich. Als ich beim Militaer war, wollten sie gewaltsam meinen
Namen aendern. Ich konnte nur fuenf Jahre die Schule besuchen. Das war
eine armenische Schule. Wir hatten einen tuerkischen Direktor. Eine
richtige Katastrophe. In armenischen Schulen ist armenische Geschichte
verboten, du musst tuerkische Geschichte lernen. Der Kerl brachte uns
bei, wie schlimm wir sind, dass wir Feinde sind. Dann mussten wir
morgens "?ich bin Tuerke, ich bin ehrlich, ich bin fleissig"`
aufsagen. Was kann man dort lernen? Dann musste ich zum Militaer.
Bereits am ersten Tag wurde ich mit Pruegel empfangen. Warum? Du bist
Armenier. Wieder beim Militaer schob einer mir eine Pistole in den Mund.
Was sollte ich machen?

Was haben Sie gemacht?

Was haette ich tun koennen? Sollte ich die Waffe nehmen und sie in
seinen Mund schieben? Ich habe nichts gemacht. Denn ich bin ein normaler
Mensch. Ich streite nicht. Selbst wenn man die Waffe mir in den Mund
schiebt, weiche ich nicht von dem ab, was ich fuer richtig halte.

Haben Sie immer so gedacht?

Wenn ich nicht so gedacht haette, waere ich jetzt nicht am Leben.
War Ihre armenische Abstammung der Grund dafuer?
Ich habe meinen Militaerdienst in den Jahren 1977-1979 in Erzincan
abgeleistet. Man hat mir gewaltsam die Uniform angezogen. Ich habe
nichts gegen Soldaten oder Uniformen. Ich bin nur wuetend auf jene, die
fuer ihre privaten Interessen diese Uniform besudeln. Ich hab mit meinen
eigenen Augen gesehen, wie sie Doerfer ueberfallen und spaeter erzaehlt
haben, die Kurden haetten die Menschen umgebracht. Eigentlich braeuchten
wir weder Militaer noch Polizei. Wir sind alle Menschen. Sind wir etwa
Schafe, die man antreiben soll.

Sie kritisieren ein bestimmtes Staatsverstaendnis, eine bestimmte
Ideologie und Institutionen. Aber Sie haben nach meinem Kenntnisstand
keine alternative Ideologie.

Natuerlich habe ich eine. Wie ein friedfertiger Mensch leben. Eine
bessere gibt es nicht. Wenn nachdenkt, findet heraus, was richtig und
was falsch ist. Wer nicht nachdenkt, wird zum Schaf. Der Mensch ist
meine Grundlage. Ich lerne nicht fuer mich alleine, sondern fuer alle.
Wenn du zum Beispiel in einer Klasse unterrichtest, kannst du nicht nur
einigen wenigen Kindern etwas beibringen. Du lernst fuer alle und du
bringst allen etwas bei. Das gilt auch fuer mich. Wenn du ueber
Kinderrechte sprichst, musst du an alle Kinder denken, nicht nur an jene
die in deinem Land leben. Wenn du fuer sie Lieder komponieren willst, so
musst du fuer sie alle komponieren. Wenn du heute von einem kurdischen
Kind sprichst, dabei aber das Kind in Angola nicht im Blick hast, so ist
dieser enttaeuscht. Du musst die gesamte Welt im Blick haben. Deswegen
habe ich mich von meinem Koerper losgeloest. Es ist nicht so wichtig,
woher man kommt, welche Wurzeln man hat, man muss den Menschen
schaetzen, weil er eben ein Mensch ist.

Waehrend Sie das so sagen, faellt mir Yunus Emre ein. Auch er spricht im
13. Jahrhundert von Menschenliebe. Die Tiefe des Menschen umreisst
er so: "?Es gibt ein Ich bei mir in mir."` Sie sagen "?Ich habe
meinen Koerper fuer alle Menschen verlassen."` Waehrend die Menschen
Anatoliens sich der mongolischen Angriffe erwehrten, rief Yunus Emre in
seinen Gedichten zum Frieden auf. Sind Sie wie Yunus Emre ein
bedingungsloser Humanist?

Natuerlich bin ich ein Humanist, denn ich bin ein Mensch. Warum gibt es
heute nicht Menschen wie Yunus Emre? Dabei brauchen wir gerade solche
Menschen.

Dann gongt es, das Konzert faengt jeden Augenblick an. Arto entschuldigt
sich, ich finde nicht einmal die Zeit fuer ein Dankeschoen. Auf der
Buehne spricht er einleitende Worte auf Englisch. Einige aus der ersten
Reihe verlangen, er moege Tuerkisch sprechen. Er hingegen sagt, dass er
alle Anwesenden ansprechen moechte, nicht nur jene, die Tuerkisch
koennen. Die junge Frau neben mir singt mit ihrem deutschen Freund die
Lieder mit. Der Reporter des WDR 3 in der ersten Reihe klatscht im
Rhythmus, waehrend Arto das Lied "?Bsdig Sinvor"` ("?Kleiner
Soldat"`) singt. Ich spuere, dass er das Lied versteht, obwohl er kein
Wort Armenisch kann. Dann eine Tiefe, darin eine Vielfalt. Darin die
Duefte, die sich vermischen. Oder wie Arto das zu sagen pflegt, die
Gewuerze. Von New York nach Jerewan, von dort nach Sıvas, Istanbul und
schliesslich Muelheim. Waehrend die Zuhoerer die Duefte dieser Gewuerze
einsaugen, tauchen sie in ihre eigenen Tiefen ein.

Zur Person: Songul Kaya-Karadag, Jg. 1972, wurde in Gaziantep geboren.
Studierte tuerkische Sprache und Literatur in Malatya. Wegen angeblicher
politischer Betaetigung wurde sie schon als Schuelerin wiederholt
verfolgt und zuletzt zu einer Haftstrafe verurteilt, der sie sich durch
Flucht entzog. Seit 1996 in Deutschland, wo ihrem Asylantrag
stattgegeben wurde. Sie schreibt fuer die Zeitung Evrensel. 2009
absolvierte sie ihr Studium der Geschichte und Turkistik an der
Universitaet Duisburg-Essen. Seit 2010 Koordinatorin an der AWO Koeln
und zusaetzlich wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt
"?Muelheim 2020"`.

Aus dem Tuerkischen von RAFFI KANTIAN

(1) Im Sommer 1993 wurden in einem Hotel von Sivas 37 Menschen,
mehrheitlich Aleviten, Opfer eines Brandanschlags (d. Red.).